Ludwigs
Burg
Festival

Von mathematischer Kreativität und hypnotischen Klangfarben 

Über die Entstehung von »Moving Picture 946-3«

Sobald sich der erste Ton des Trompeters Marco Blaauw mit dem Film »Moving Picture 946-3« verbindet, beginnt ein sphärischer Tauchgang. Dem Gemeinschaftsprojekt aus bildender Kunst, Film, Komposition und Live-Musik, das am 24. Juni im Scala erlebt werden kann, geht eine spannende Entstehungsgeschichte voraus.

Es hat etwas durch und durch Hypnotisches: Das interdisziplinäre Kunstwerk »Moving Picture 946-3«, das Trompete solo und akustisch manipulierten Klang von Rebecca Saunders (*1967) mit dem faszinierenden Film von Corinna Belz (*1955) und Gerhard Richter (*1932) verbindet. 

Das Werk fußt auf einem hochauflösenden Scan des Künstler-Gemäldes »946-3« und Richters Vision, die 2019 in der Uraufführung von »Moving Picture 946-3« im Kiyomizu-dera-Tempel in Kyoto und 2020 in der Aufführung der endgültigen Fassung beim Berliner Festspiele Musikfest mündete.  


Die ersten Impulse für »Moving Picture 946–3« liegen noch ein wenig weiter in der Vergangenheit und gehen auf die Veröffentlichung von Gerhard Richters Buch »Patterns: Divided, Mirrored, Repeated« im Jahr 2011 zurück. In seinem Buch erklärt er die mathematische Logik seiner Methode der Teilung und Spiegelung, deren Ergebnis einzelnen abstrakten Gemälden unerwartete Muster schenkt: Das Originalbild wird vertikal geteilt, und zwar genau in der Mitte. Die Teilung erfolgt nach der Formel: 4096 / 2048 / 1024 / 512 / 256 / 128 / 64 / 32 / 16 / 8 / 4 /2. Allen Phasen der vertikalen Verschachtelung und Spiegelung wohnt eine Symmetrie inne, die auch immer neue Form- und Farbvariationen des Gemäldes augenscheinlich machen. 


Belz und Richter hatten das Prinzip bereits 2016 in »Richter's Patterns« dokumentiert. Im September 2017 wandte sich Richter erneut an Belz mit einer Nachricht, die ihre insgesamt sechsjährige Forschungs- und Entwicklungszeit beschließen würde: Richter sah eine neue Möglichkeit, wie sein Verfahren für Printmedien auch auf bewegten Bildern angewendet werden könnte. Eine zweite Zusammenarbeit begann mit dem Ziel, etwas Neues, Unkonventionelles mit einem eigenen Narrativ zu erschaffen. So ging es von Anfang an darum, eine neue Dimension des Verfahrens zu realisieren. Für den Kern der visuellen Erfahrung wählte Richter sein Gemälde »946-3«, das im Prozess schon bald aufeinanderfolgende Phasen aufzeigt, in denen das Originalgemälde durch den Prozess der Teilung, Spiegelung und Wiederholung immerfort transformiert wird. Dabei orientiert sich der Prozess für Bewegtbild exakt an der bis dato gedruckten Variante des Prozesses. In der filmischen Umsetzung bedeutet das also nichts anderes, als dass alle Eindrücke von diesem einen Gemälde stammen. Zu sehen sind also nur und immer wieder die Ergebnisse des strengen Diktats der Teilung, Spiegelung und Wiederholung, dessen erstaunliche Vielfalt an Form- und Farbvariationen viele Schichten und Möglichkeiten für figurative Assoziationen bietet. In dem fortgeschrittenen Stadium des Prozesses, wenn das Gemälde auf eine Reihe farbiger Linien reduziert ist, sind diese symmetrischen Variationen zwar nicht mehr visuell sichtbar, aber immer noch auf subtile Weise wahrnehmbar.


Die Komponistin Rebecca Saunders schildert: »Auf den ersten Blick ist der Film »Moving Picture 946-3« einfach erstaunlich – seine Strahlkraft, seine hypnotisierende und absolute Schärfe und vor allem die Art und Weise, wie das Zeitempfinden außer Kraft gesetzt wird. Wenn man die winzigen Partikel des visuellen Bildes betrachtet, scheint man direkt in die Farbfragmente hineingezogen zu werden.« Saunders Musik komplementiert das bewegte Bild aus unzähligen farbigen Streifen zu einem interdisziplinären Gesamtkunstwerk. Ihre für Marco Blaauws Trompete komponierten Töne »erforschen die filigranen Nuancen der einzelnen musikalischen Fragmente: Sie spüren der Maserung der Klangfarbe nach, dringen in den Kern einer Klangfarbe ein und spüren den Klangpartikeln selbst nach«. Ihre atmosphärische Klangmalerei ist subtil und doch ausschlaggebend für die installative 36-minütige Erfahrung, bei der der Trompeter Marco Blaauw das von Gerhard Richter initiierte Gesamtkunstwerk zum Leben erweckt.