Ein erstes Wir
Es war an einem Sonntag vor 50 Jahren, genauer am 9. September 1962. Ludwigsburg hatte sich fein gemacht, man erwartete hohe Gäste im Schloss: Bundespräsident Heinrich Lübke, Bundeskanzler Konrad Adenauer und die gesamte Staatsspitze der jungen Bundesrepublik. Mit besonderer Spannung erwartete man jedoch den Auftritt von Charles de Gaulle, Président de la République und einstiger Chef der französischen Résistance im Zweiten Weltkrieg. Im Schlosshof hatten sich mehrere Tausend Jugendliche versammelt, um die
Ansprache des französischen Staatspräsidenten zu hören. 17 Jahre nach Nazi-Deutschland. Was hätte der General der deutschen Jugend zu sagen?
Dann die Überraschung. Charles de Gaulle sprach deutsch. In freier Rede. Er hatte die Sprache als Kriegsgefangener der Deutschen im Ersten Weltkrieg gelernt. Mit unerwarteter Herzlichkeit räsonierte er in Ludwigsburg über das »große Volk« der Deutschen, »das manchmal in seiner Geschichte große Fehler begangen hat«.
De Gaulle forderte die deutsche Jugend auf, an der Gestaltung Europas mitzuarbeiten, und er sprach schließlich über »die Zukunft unserer beiden Länder«. Beileibe keine Sonntagsrede – vielmehr ein ungewöhnlich großzügiges Angebot. Ein erstes Wir…
Die Überprüfung dieses Wir interessiert uns im Jubiläumsjahr 2012. Der belgische Choreograf Alain Platel, der zusammen mit dem Ensemble des Teatro Real mit seinem großformatigen Tanz- und Musiktheaterprojekt C(H)OEURS eine ufregende Untersuchung über Macht und Ohnmacht großer Kollektive kreiert, steht dabei ebenso im Zentrum wie das Gastspiel des MIAGI Youth Orchestra, ein südafrikanisches Ensemble junger Musiker aus allen kulturellen und sozialen Schichten des Landes.
Wie künstlerische Gegensätzlichkeiten zu gemeinsamen Statements führen können, zeigen unter anderem die gefeierte Mezzosopranistin Bernarda Fink und Jazz-Koryphäe Wolfgang Puschnig mit ihrem packenden Volkslied-Projekt oder auch die Reise, die unsere Gäste von Song Conversation in diesem Jahr unternehmen: Von Norwegen über Österreich nach Tunesien durch faszinierende musikalische Kulturen führt der Trip, den uns Bugge Wesseltoft, Wolfgang Muthspiel und Dhafer Youssef präsentieren.
Abenteuerlust, Mut, Scharfsinn. Es waren diese Wesensmerkmale, die uns ins Auge stachen, als wir Stéphane Hessel zum ersten Mal in Paris aufsuchten. Uwe Schmitz-Gielsdorf und ich waren uns sofort einig, dass dieser Mann ein Glücksfall für unsere Eröffnungsrede 2012 sein würde. Im 80. Jahr unserer Festspiele ist Hessel ein Jahrhundertzeuge im Wortsinn: Mit bald 95 Jahren hat er ein Leben für zwei geführt. Geboren in Berlin 1917, übersiedelte er mit seinen Eltern als Siebenjähriger nach Paris, wo seine Mutter sich in einen französischen Schriftsteller verliebte (ihre Geschichte wurde später von François Truffaut mit »Jules et Jim« meisterlich verfilmt). Bald wurde Hessel Mitstreiter von Charles de Gaulle, Mitverfasser der Charta für Menschenrechte, einer der ersten UNO-Mitarbeiter – ein neugieriger und kraftvoller Enthusiast, der sich bis heute für die Sache des humanen Zusammenlebens einsetzt. Vor zwei Jahren veröffentlichte er das radikal subjektive Plädoyer »Empört euch!«, das weltweit millionenfach gelesen wurde. Keine Kampfschrift – eine ungeduldige Aufforderung zum Wir.
In diesem Sinne laden wir Sie ein zu einer Reise in die Welt unserer Künstler, in das Unbekannte, zum Wiederfinden oder Aufspüren aufregender Geheimnisse. Bei den Schlossfestspielen zum 80sten.
Ihr
Thomas Wördehoff
Ludwigsburger Schlossfestspiele 2012 Programm der Schlossfest